Prüft alles - das Gute behaltet bei! (1 Thess 5:21)

Zur Abgrenzung: Inspiration übernatürlichen Geistes oder Missbrauch geistlicher Macht?

b-engelgestalt (c) WeBe Werner Becker
b-engelgestalt
Datum:
Mi 26. Aug 2020
Von:
Werner Becker

Was entspringt der Inspiration übernatürlichen Geistes und wo fängt geistlicher Machtmissbrauch, spirituelle Manipulation an?
Wie unterscheiden zwischen kostbarem Weizen und dem Stroh tauber Ähren?

Es ist ein Schock: Da werden schlimme Dinge bekannt, trübende Schatten fallen auf das angestrahlt leuchtende (Vor-)Bild des eigenen Gründers, dessen Spiritualität man/frau/ einiges verdankt. 
Muss man das Bild nun aus Scham verhängen? -
Die Gemeinschaft ist nicht zu beneiden. Irritation, Kann-nicht-wahr-sein-Gefühle sind die ersten Reaktionen. Was nicht wahr sein darf, kann nicht wahr sein? Es ist doch alles geprüft und approbiert - die Seligsprechung eine Frage der Zeit - niemand konnte Gegenteiliges vermuten. -

In früheren Zeiten waren charismatische Gründungsväter und wohl auch -mütter gar nicht so zimperlich. Aus der Vita der selig gesprochenen Helena Stollenwerk, der Mitgründerin der Steyler Missionsschwestern wird berichtet, dass sie als Oberin eine echt geschwisterlich-mütterliche Frau war für ihre Mitschwestern, die erschöpft aus der Mission heimkamen, um sich zu erholen. Sie war eine begnadete Animateurin und Motivatorin, welche die von Resignation und Müdigkeit Bedrohten wieder aufbaute. Und das tat sie auch mit vielen Briefen an ihre Mitschwestern vor Ort. Auf der Höhe ihrer Strahlkraft befand Arnold Janssen, der mächtige und imposante männliche Gründer der Steyler Missionare unter Gehorsam, dass die Zeit für ihre 'Abschiebung' ins Schweigen des Steyler Zweiges der Anbetungsschwestern gekommen sei. Mutmaßlich, so wird berichtet, war sie dort nicht glücklich und verstarb nicht lange danach. 
Gründerpersönlichkeiten und auch ihre Nachfolger übten oft eine unangefochtene Autorität aus: Es kursierten im Klosterinternat, in dem ich meine Gymnasialzeit verbrachte, viele Geschichten: von willkürlichem Machtgebaren im Zusammmenhang mit Feierlichkeiten, wo der erste Einsatzort der frischgebackenen Missionare öffentlich bekannt gemacht wurde, manch einem zur Überraschung, weil er erstmalig davon erfuhr. Sogar von einem Schabernack eines Oberen wurde erzählt, er habe einen Mitbruder, den sich keiner in einer Missionsstation vorstellen konnte und der sich selber auf ein Lehrerdasein in der Heimat eingestellt hatte, "vorzuwarnen": er sei für einen Missionseinsatz vorgesehen. An dessen Ohnmachtsanfall soll er sich "geweidet" haben und viele Lacher mit ihm. Am Tage danach die berichtigte wirkliche Bestimmung - 
Es gab unter Gehorsam erzwungene Bestimmungen. Das Gehorsamsgelübde ist aber kein Freibrief für Willkür, es dient dazu, auf seelsorgliche Erfordernisse flexibel zu reagieren, wofür eine grundsätzliche Verfügbarkeit die Vorausssetzung bildet. Keinem Ordensoberen heute würde ich etwas anderes unterstellen wollen als sorgfältig ein Aufgabengebiet zu bestimmen und die personellen Ressourcen dafür im intensiven Austausch und Beratungsprozess mit dem Betreffenden und mit der Gemeinschaft abzuwägen.-

Auch in Kreisen von ehemaligen Internatszöglingen kursierten skurrile Geschichten, die man rosarot und und mit trotzigem Humor verklärte: Man hat es ja überlebt und kann von schrulligen Persönlichkeiten berichten - und wie man ihnen ein Schnippchen geschlagen hat. 

Doch nicht alle sahen solches durch die rosarote Brille verklärt. Einige haben nach der Klosterepisode ein lebenslanges Trauma davongetragen, eine Desillusionierung und oft lebenslange Entäuschung, tiefe Zweifel und einen enttäuschten Glauben." 
Machtmisssbrauch hinterlässt Opfer, schafft Traumata. - Das macht erst einmal betroffen und erschüttert ein Stück weit die eigene religiöse Identität, aber es kann auch heilsam den Blick weiten.
 
Den oben so Geschockten möchte ich sagen: Für die Aufarbeitung von Geschehnissen aus der Vergangenheit ist immer Zeit. Es braucht dazu ein Quäntchen Mut. Bin ich in meiner eigenen Berufung irritiert oder stelle ich mich den neuen Erkenntissen und begreife sie als Chance, das zu leben, was für mich heute wichtig ist - dafür bin ich und nur ich verantwortlich - und das Gefühl zu haben, dass die einem zur geistigen Heimat gewordene Gemeinschaft in einem ständigen Erneuerungsprozess auf die Zeichen der Zeit antwortet. Da gilt es auch, manche liebgewonne Außendarstellung zu hinterfragen. Und wenn ehemalige Mitglieder der Gemeinschaft dieser den Rücken kehrten,  
diesen Anlass als Chance zu sehen, das Eigene immer wieder zu hinterfragen. Hieraus resultierende Kritik kann nur dazu beitragen, die eigene Wachheit zu stärken. Es nutzt nie  etwas, alles Unkraut radikal auszureißen, alles was unvorteilhaft erscheint und jeden Makel auf dem eigenen Idealbild. Das erinnernde Gedenken an die Geschichte der Gemeinschaft darf auch Schatten enthalten, man muss sich dieser Vergangenheit nur offen stellen und eine Erinnerungskultur darüber etablieren, um es zur Mahnung wach zu halten für die Kommmenden, dass es nicht wieder einer Vertuschungskultur anheimfällt. Nur das macht nachhaltig glaubwürdig in der öffentlichen Wahrnehmung.

Das würde bedeuten: Weniger Personenkult und weniger An-Himmeln! 
Wo viel geputzter Chrom und aufgehübscht glänzender Lack, wo viel Wunderbares und sensationell Begeisterndes im Spiel ist, da sudelt auch kräftig der Teufel mit.  

Gewisse neue Erscheinungsorte als Beispiel:
Die auf Echtheit und übernatürlichen Einfluss prüfenden kirchlichen Behörden haben es oft schwer: auf der einen Seite fordert eine begeisterte und Wundererfahrungen beschwörende Anhängerschaft die Echtheit der Erscheinungen (gar die tägliche "Post" an die Seher als Botschaft aus dem Munde der Gottesmutter persönlich) als übernatürlich anzuerkennen und pocht dabei auf den vielfältigen begeisternden Aufbruch vieler zu engagiertem Christsein, die Medjugorje als Pilger erlebt haben. Der ist ja zweifelsfrei bezeugt.

Doch unterscheide:
Ist hier missionarisches Eiferertum im Spiel oder handelt es sich um bedeutende Impulse für ein neu fundiertes Christsein, dessen Echtheitskennzeichen eine gewachsene innere Freiheit ist, die sich nicht erschöpft in der "Begeisterung" einer Fan-Gemeinde ist, die kritisch denkende Menschen abstößt.
Weil es z.B. suggeriert: dergestaltige Marienverehrung sei die einzig wahre Form, weil von der Gottesmutter selber persönlich bezeugt und anempfohlen. Die Fatima-Statue, mit Lourdes - Grotte versehen ist  eine zeitgenössische Darstellung Marias, nicht: So haben sie die Kinder "gesehen" - so nur kann sie aussehen, möglichst mit Rosenkranz in der Hand. Und ausgiebiges Rosenkranzbetertum sei deshalb die einzige Form römisch-katholischer oder gar christlicher Marienverehrung. Und es müsste zur Identität jeder geistlichen Erneuerungsbewegung gehören, bei jeder frommen Zusamenkunft mit anderen Bewegungen müssten alle sich als begeisterte Rosenkranzbeter outen.

Damit ich nicht missverstanden werde: Das Rosenkranzgebet, kostbar – ohne Zweifel – der Ausdruck der Volksfrömmigkeit, Gebetsschule unserer Eltern und Großeltern, hat auch heute seinen Platz. Er dient gerade in seiner Einfachheit der Fokussierung und Konzentration und als Stütze der Anbetung und Einbettung in die Gegenwart Gottes und die Betrachtung seiner unbeschreiblichen Geheimnisse in welcher Situation auch immer – inmitten lärmerfüllter Straßen und wuseliger Zeitgenossen oder beim Hineinlauschen in die Stille eines abgelegenen Waldstücks. Gerade auch in Situationen, wenn wenig geht an Gebet, zumal in Zeiten der Hinfälligkeit.

Der Geist hilft zu unterscheiden, was den Aufbau des eigenen Glaubens fördert. Dass da ein eigener "Stallgeruch" sein darf, ist genuin, nur darf der nicht so penetrant riechen, dass andere aus dem Schafstall Christi das Weite suchen müssen.
Noch einmal:
Echtheitskennzeichen für ein fundiertes Christsein ist die gewachsene innere Freiheit. Es darf sich nicht erschöpfen in der Begeisterung einer Fangemeinde.
Ein weiteres Kennzeichen ist, wie mit kritisch und distanziert denkenden Menschen umgegangen wird. Passen sie auch hinein und finden wichtige Anregungen für ihre persönliche Spiritualität? - 
Bereichern sie ihrerseits das Spektrum und beschenken die Gemeinschaft, oder werden sie eher als Fremdkörper betrachtet und fühlen sich daher eher abgeschreckt.
„Wird die „spirituelle Autonomie“ gewährleistet? (Doris Wagner) und nicht in einem erzeugten Wust von Gefühlen manipuliert und erstickt? - 
Wie ist das Erwachen danach? Ertüchtigt es mich zu einem offenen Menschen und macht mich nachhaltig zum Leben fähig? 
Sind meine Kreativität und mein eigenständiges Denken erwünscht oder werde ich stattdessen als noch nicht erleuchtet betrachtet oder gar noch vom Bösen beeinflusst angesehen und mir eine beschwerende Sündigkeit angelastet, von der ich  „befreit“ werden soll.
Missbrauch ist Verletzung der spirituellen Selbstbestimmung.
Darum gilt:
Was macht mich nachhaltig froh und frei?
Was führt mich letztendlich zu einem Mehr an innerer Freiheit und Lebendigkeit?

"Prüft alles - das Gute behaltet bei!" (1. Thess 5:21)